Bildung, Wissenschaft und Forschung Hessen

Studierende vor die Webcam? Nur freiwillig!

Studierende vor die Webcam? Nur freiwillig!

Alle, die im Sommersemester schon mal an einer digitalen Lehrveranstaltung (z.B. über Zoom) teilgenommen haben, kennen es bestimmt: Die Lehrperson hat ihr Video angeschaltet, schaut aber in ein Publikum aus grauen Rechtecken mit weißen Namen. Besonders in kleinen Runden, etwa in einem Web-Seminar, kann da schnell mal der Gedanke kommen die Teilnahme an eine eingeschaltete Webcam zu koppeln und so die Studierenden aus ihrer Deckung zu locken.

Aber Vorsicht: Die Forderung, die Videoübertragung einzuschalten, um an einer Veranstaltung teilnehmen zu dürfen, ist rechtlich nicht haltbar!

Es geht hier nicht einfach nur darum, ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen. Viele Studierende haben keine privaten Arbeitszimmer. Sie besuchen Online-Veranstaltungen von ihren eigenen Wohn-, Schlaf- und/oder WG-Zimmern aus. Das Video einzuschalten bedeutet also mitunter wildfremden Leuten Einblick in den höchst privaten Raum zu gewähren und/oder andere unerwartet in die Öffentlichkeit zu bringen (versteckte Kamera lässt grüßen!)

Auch wenn Zoom eine Warnmeldung bringt, sollte jemand das Video mit der Zoom-Applikation selbst aufzeichnen bzw. sich die Aufzeichnungsfunktion grundsätzlich deaktivieren lässt, so gibt es unzählige Möglichkeiten – auch ohne technisches Know-How – diese Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen. Es gibt effektiv keine Möglichkeit zu gewährleisten, dass ein Video nicht aufgezeichnet wird oder auch nur ein Screenshot erstellt wird. Daher möchten viele Studierende ihre Webcam mit guten Gründen nicht anschalten und Lehrpersonen müssen dies respektieren. "Es sollte im Interesse aller gewährleistet sein, dass die Privatsphäre der Studierenden geschützt ist, zum Beispiel durch die Deaktivierung des privaten Chats, der Bildaufzeichnung und des Tonmitschnitts. Die Studierenden sollten frei entscheiden können, ob sie ihre Kamera aktivieren." https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/gender-diversitaet-digitale-lehre (Abruf 30.10.2020)

Problematisch ist außerdem, dass die Daten eines Zoom-Meetings auch auf Servern außerhalb der EU verarbeitet und gespeichert werden. Dies kann im Extremfall dazu führen, dass jemand Anzeichen einer Krankheit hat, die auf dem Video erkennbar sind und dadurch später keine Versicherungen abschließen kann. Auch wenn dies ein Worst-Case-Szenario darstellt, reicht es, um grundsätzlich dem Einschalten des Videos zu widersprechen.

Die Lehrperson kann natürlich die Teilnehmer*innen freundlich fragen, ob sie das Video einzuschalten möchten, sollte aber auch dann betonen, dass es keine Konsequenzen hat, wenn sie dem nicht nachkommen.